Gesundheit & Krankheit im Ayurveda

Gesundheit im Ayurveda ist nicht einfach die Abwesenheit von Krankheit, sondern nach der Suśruta Saṃhita, einem der wesentlichen Lehrbücher des Ayurveda, wird Gesundheit wie folgt definiert:

samadoṣaḥ samāgniś ca samadhātumalakriyaḥ ||
prasannātmendriyamanāḥ svastha ity abhidhīyate ||
Suśruta Saṃhita, Sūtrasthāna, 15.41

 

Der Mensch, dessen Doshas im Gleichgewicht sind, dessen Agni ausgeglichen ist, dessen Gewebe richtig gebildet sind, dessen Ausscheidungen normal funktionieren, dessen Seele, Geist und Sinne von Glück erfüllt sind und der im Selbst ruht wird als gesund bezeichnet.

Aufgrund der vielfältigen und äusserst feinen Diagnosemethoden des Ayurveda können Ungleichgewichte, die sich unter Umständen zu schweren Krankheiten entwickeln können, bereits erkannt werden, bevor man selbst Anzeichen davon bemerkt.


Der Ayurveda teilt einen Krankheitsverlauf in sechs Stadien ein.

  1. sañcaya – Ansammlung, d.h., ein Dosha – Vata, Pitta oder Kapha – beginnt, sich in seinem eigenen Bereich anzusammeln. Mögliche Symptome sind mild und tauchen nur sporadisch auf. Für sich ansammelndes Vata können dies beispielsweise Blähungen oder Verstopfung sein, bei leicht erhöhtem Pitta Hitzeempfinden oder dunkelgelb verfärbter Urin und bei sich kumulierendem Kapha Völlegefühl und Lethargie.
  2. prakopa – Reizung, Verschlimmerung. Ein Dosha steigt weiter an, bleibt aber noch an seinem angestammten Platz. Symptome, die in dieser Phase beobachtet werden können bei steigendem Vata Darmgeräusche oder eine übermässige Peristaltik sein, bei Pitta Sodbrennen oder säurebedingte Magenbeschwerden und bei Kapha Verschleimungen.
  3. prasara – Ausbreitung. In dieser Phase verlassen die Doshas ihre angestammten Bereiche und suchen sich andere Plätze im Körper, in denen sie sich ausbreiten können. So kann Vata beispielsweise den Dickdarm verlassen und sich in der Haut, den Ohren oder den Knochen ausbreiten. Symptome sind dann zum Beispiel trockene Haut, kalte Hände und Füsse oder Ohrgeräusche.
    Wenn Pitta seinen angestammten Bereich im Dünndarm verlässt, kann es sich beispielsweise im Magen, den Augen oder den Schweissdrüsen ausbreiten. Mögliche Symptome sind dann Sodbrennen, brennende Augen oder sauer riechender Schweiss.
    Verlässt Kapha seinen Bereich im oberen Magen und der Brust und breitet sich zum Beispiel im Kopf oder im Lymphsystem aus können Wasseransammlungen im Gewebe oder verstopfte Nebenhöhlen mögliche Symptome sein.
  4. sthāna saṁśraya – Ablagerung oder Lokalisation. Das deutlich vermehrte Dosha setzt sich an einem Ort fest, der nicht zu seinem angestammten Bereich gehört. Dies geschieht, weil das Dosha zu diesem neuen Ort eine Affinität besitzt oder es dort aufgrund von genetischer Veranlagung, früheren Traumata, vermehrtem emotionalen Stress oder unterdrückten Emotionen eine Schwäche oder einen Fehler gibt. Das Dosha dringt mit seinen eigenen Qualitäten in das Gewebe des neuen Ortes ein, verstärkt sich dort und kann die normalen Qualitäten des Gewebes verändern. Es zeigen sich nun vorausgehende Anzeichen einer Krankheit, die von einem erfahrenen Arzt (auch einem westlichen Schulmediziner) bereits als solche erkannt werden können.
  5. vyakti – Manifestation. Das Dosha hat das Gewebe des neuen Ortes überwunden und die Qualitäten des fremden Doshas manifestieren sich nun im Gewebe, indem die natürlichen Qualitäten des Dhatus unterdrückt werden. Eine Krankheit mit ihren spezifischen Symptomen, wie wir sie im westlichen Verständnis kennen, tritt zu Tage.
  6. bheda – Komplikation. In diesem Stadium manifestieren sich strukturelle Veränderungen der Gewebe und Organe/Organsysteme und Komplikationen zeigen sich. Es ist das finale Stadium eines Krankheitsverlaufs. Im fünften Stadium einer Krankheitsentwicklung ist die Funktion eines Gewebes oder eines Organs gestört. Im sechsten und letzten Stadium der Krankheit ist die Gewebestruktur verändert und die Funktion der umliegenden Gewebe und Organe gestört. Eine Behandlung in diesem Stadium ist äusserst schwierig bis unmöglich.

Jede Wissenschaft hat in bestimmten Bereichen ihre Grenzen. Gemäss Ayurveda werden Krankheiten in sādhya (heilbar) und asādhya (nicht heilbar) unterschieden. Eine feinere Unterteilung erfolgt in: sukha sādhya (leicht heilbar), kṛcchra sādhya (schwer heilbar) sowie in yāpya (beherrschbar) und asādhya/anupakrāmya (nicht heilbar/nicht behandelbar). Unter Berücksichtigung dieser Faktoren, muss man feststellen, dass der Ayurveda nicht alle Krankheiten der Menschheit heilen kann.